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Trendstudie 2022: Jugend im Dauerkrisen-Modus

Kita und Schule als Lebens- und Lernort
Jugendliche sitzen zusammen im Grünen

© DKJS/ Andi Weiland


Krieg in der Ukraine, Corona-Pandemie und der Klimawandel: Die aktuellen Krisen gehen laut der Trendstudie "Jugend in Deutschland" auch an jungen Menschen nicht spurlos vorbei. Das hat Folgen für die psychische Gesundheit.  Annekathrin Schmidt ist Expertin für Persönlichkeitsentwicklung in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, wie Jugendliche mit diesen Krisen umgehen können und was Schulen, Horte, Kitas und Jugendclubs zur Förderung von mentaler und psychischer Gesundheit beitragen.

Annekathrin Schmidt, DKJS

© DKJS/ A. Forner

Klima, Corona, Krieg: Wie können Jugendliche mit dicht aufeinanderfolgenden Krisen umgehen? 

Annekathrin Schmidt: Die Trendstudie hat es noch mal gezeigt: Kinder und Jugendliche erleben seit 2018 eine Zeit der Krisen. Schon die Fluchtbewegungen 2015/2016 erlebten viele Jugendliche als einschneidend. Seit 2018 treibt sie zunehmend die Sorge vor den Folgen des Klimawandels um. 2020 kamen die Veränderungen und Einschränkungen aufgrund der Pandemie hinzu. Viele Kinder und Jugendlichen leben neben den aktuellen Krisen in belasteten familiären Situationen oder haben herausfordernde biografische Erfahrungen gemacht. 

Jeder junge Mensch nimmt Krisen individuell anders wahr und befindet sich in einer ganz eigenen persönlichen Situation: Eine allgemeine Antwort auf die Frage, wie Jugendliche mit Krisen umgehen, ist schwer zu finden. Aber ich bin überzeugt: Bei allen Unterschieden ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche Umgebungen haben, die ihnen zugleich Sicherheit, Austausch, Gemeinschaft und zu bewältigende Herausforderungen, d. h. Möglichkeiten zur Selbstwirksamkeit, bieten. Ebenso wie verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen, die sich mit ihnen offen über Krisen austauschen.

Jugendliche haben – vor allem wegen der Corona-Pandemie – das Gefühl, dass sie sich nicht so frei entfalten können wie es in dieser Lebensphase angemessen wäre. Was kann das für Auswirkungen haben? Was können sie diesem Gefühl entgegensetzen?

Annekathrin Schmidt: Soziale Kontakte zu reduzieren, besonders zu den Peers, begrenzt die Möglichkeiten, soziale Kompetenzen sowie eigene Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. Dies kann zu Ängstlichkeit, Gesundheitsproblemen infolge Bewegungsarmut, Einsamkeitsgefühlen und Suchtverhalten führen. Deswegen ist es jetzt so wichtig, das grundsätzliche Interesse der Kinder und Jugendlichen an Gleichaltrigen und der Welt ernst zu nehmen und zu fördern. Das gelingt, indem soziale Kontakten ermöglicht werden. Dazu bietet die Jugendhilfe, insbesondere die Jugendarbeit und die Jugendverbandsarbeit, viele Gelegenheiten. Aber auch die Schule sollte diesem Anspruch gerecht werden und den Aspekt des sozialen Lernens und der Förderung von Gemeinschaft stärker berücksichtigen.

In der Studie hat sich gezeigt, dass sich viele Jugendliche bei psychischen Belastungen mehr Unterstützung im schulischen Raum wünschen.  Was hat sich da in den letzten Jahren getan? Wie kann das pädagogische Personal diesen Herausforderungen begegnen?

Annekathrin Schmidt: Glücklicherweise wurden die Schulsozialarbeit und die schulbezogene Jugendsozialarbeit in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Gerade in Berlin ist in diesem Bereich viel passiert. Auch die Kooperation von Schule und Jugendhilfe hat sich vor dem Hintergrund des Ganztagsausbaus positiv entwickelt. Hier sind Ganztagsschulen stark im Vorteil. In einem Kollegium aus Pädagog:innen unterschiedlicher professioneller Ausrichtung ist der Blick auf Kinder und Jugendliche ganzheitlicher und die pädagogischen Handlungsoptionen können weiter gefasst werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung, damit kompensatorische Aktivitäten auf kognitiv-fachlicher und sozio-emotionaler Ebene gut ineinandergreifen können. Ein weiterer Vorteil der Ganztagsschule ist es, dass es für die Kinder und ihre Familien unterschiedliche Ansprechpersonen gibt: neben den Lehrkräften eben auch Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen usw. Hier können sehr gezielt Gespräche stattfinden. Mit Blick auf die individuellen Bedarfe der Kinder und Jugendlichen sollte dies als wichtige Ressource in der aktuellen Zeit genutzt werden. So kann eine stabile Basis fürs Lernen und für eine verbesserte Resilienz geschaffen werden.

Neben allen positiven Entwicklungen der letzten Jahre ist es aber auch so, dass die Lehrkräfte auf psychische und soziale Belastungen von Kindern und Jugendlichen selten bis wenig vorbereitet sind. Ebenso wenig auf den Umgang mit eigenen Belastungen und Konfliktlagen, die ja auch in der Pandemiezeit zugenommen haben. In diesen Bereichen besteht enormer Handlungsbedarf.

Was können Schulen, Horte, Kindertageseinrichtungen, Jugendclubs usw. zur Förderung von mentaler und psychischer Gesundheit beitragen?

Annekathrin Schmidt: Ich nehme hier eine viel höhere Sensibilität wahr als noch vor ein paar Jahren. Schon allein die Anzahl der Anträge von Bildungsinstitutionen im Rahmen des Zukunftsfonds von AUF!leben zeigt, wie wichtig das Thema ist und wie ernsthaft die Akteur:innen versuchen, entsprechende Angebote für Kinder und Jugendlichen umzusetzen. Dennoch ist Luft nach oben. Ich wünsche mir, dass alle genannten Bildungsinstitutionen noch mehr Wert darauflegen, Orte zu schaffen, die jungen Menschen zugleich Sicherheit, Anregungen, Experimentierräume, Beteiligung und förderliche soziale Beziehungen bieten. Ebenso glaube ich, dass Themen wie Demokratiebildung, Gesundheitsförderung und Medienbildung einen höheren Stellenwert bekommen sollten. 

Welche Unterstützung braucht das pädagogische Personal, um den Krisen zu begegnen?

Annekathrin Schmidt: Anerkennung und Rückendeckung, Handlungsspielräume, Handlungsmut und Handlungssicherheit. Zunächst einmal: Die Herausforderungen betreffen ja alle Bereiche der Bildung, Förderung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Klar wäre es eine wichtige Unterstützung, wenn zusätzliche pädagogische Fachkräfte eingestellt und angemessen bezahlt würden. Aber da haben wir das Dilemma des Fachkräftemangels. Deswegen wäre es spannend zu schauen, wie es gelingen kann, das Personal zu halten, zu professionalisieren und angemessen zu vergüten, das jetzt für die vielen Corona-Programme der Länder und des Bundes zusätzlich gewonnen wurde. So hätten Kinder und Jugendliche langfristig qualifizierte Fachkräfte an ihrer Seite. 

In allen Bereichen sollte die Bereitschaft zur Teilnahme an Fort- und Weiterbildung gefördert werden. Für den Umgang mit Belastungen und Krisen arbeiten wir im Berliner Programm Mobile Jugend-Lern-Hilfe.Jetzt mit der Methode der Supervision. In einigen Bereichen, z. B. in den Hilfen zur Erziehung, ist Supervision bereits ein Qualitätsstandard. In der Jugendarbeit und an Schulen nicht – obwohl die Herausforderungen dort ja keineswegs geringer sind. 

Und last but not least: die Corona-Pandemie, der Angriffskrieg auf die Ukraine und der Klimawandel werden nicht die letzten Herausforderungen sein, die uns begegnen. Institutionen der Bildungs- und Jugendarbeit müssen der Ungewissheit Raum geben und Kinder und Jugendliche mit Kompetenzen ausstatten, die sie befähigen, mit den Anforderungen der Zukunft gut umgehen zu können. Das gelingt nur in Kooperation und das pädagogische Personal braucht externe, spezialisierte Partner:innen zur Bewältigung konkreter Problemlagen.
 

Trendstudie: Jugend in Deutschland
Jugend im Dauerkrisenmodus - Klima, Krieg, Corona 

Der andauernde Krisenmodus strapaziert zunehmend die psychische Gesundheit der Jugend. Unter der Oberfläche des „jugendtypischen Optimismus“ offenbart sich ein beträchtliches Ausmaß von Verunsicherung. Obwohl sich die meisten zutrauen, trotz widriger Umstände das eigene Leben in den Griff zu bekommen, sehen sie im Blick auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands erhebliche Probleme. Dies ist eines der Ergebnisse der Trendstudie der Jugendforscher. Über 1000 junge Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren haben die Forscher hierfür befragt. 
Grundsätzlich gehen die Befragten nach wie vor verantwortungsbewusst und vorsichtig mit einer Corona-Infektion um. Dabei fürchten sie sich weniger vor einer Infektion als vor Isolation und Quarantäne. Dennoch haben die spürbaren Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen das Lebensgefühl der jungen Menschen beeinträchtigt.
Auch der Krieg in der Ukraine setzt den Befragten stark zu – stellt er doch die Zukunftsaussichten in Frage und zerstört ihr bisheriges Sicherheitsgefühl. Die Kriegsangst könnte auch deshalb so belastend sein, weil sie die Folgen der Corona-Pandemie noch nicht überwunden haben.
 

Mehr zur Trendstudie 2022 finden Sie hier.

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