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Geflüchtete Kinder und Corona

Demokratiebildung und Teilhabe
Jugendliche beim gemeinsamen Unterricht

© DKJS/P. Chiussi


Geflüchtete Kinder und Jugendlichen sind von Krisen in besonderer Weise betroffen –besonders wenn sie dicht aufeinander folgen oder sich sogar überschneiden. Auch in der Programmarbeit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) werden die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des Ukraine-Kriegs deutlich. Darüber sprachen wir mit Yvonne Hylla, die das Programm Fit für die Schule plus Berliner Ferienschulen im Handlungsfeld „Junge Geflüchtete“ leitet.

Wie hat sich die Pandemie auf die Lebensumstände geflüchteter Kinder in Deutschland ausgewirkt?

Yvonne Hylla: Viele Bildungswissenschaftler:innen sind sich einig, dass die negativen Auswirkungen wie Kontaktsperren, Quarantänemaßnahmen und Schulschließungen auf sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche besonders schwerwiegend ausfielen. Junge Geflüchtete waren von diesen Herausforderungen in besonderem Ausmaß betroffen. Oft stand ihnen keine ausreichende digitale Ausstattung für die Zeiten des Homeschoolings zur Verfügung. Viele Familien lebten auf engstem Raum, wodurch Rückzugsorte zum Lernen fehlten. Hinzu kommt, dass die Quarantänemaßnahmen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Großunterkünften für Geflüchtete oft über viele Wochen anhielten. Die Gemeinschaftsbereiche der Unterkünfte waren im Rahmen der Schutzmaßnahmen in vielen Fällen vorübergehend geschlossen, externe Ehrenamtliche hatten nur eingeschränkten Zugang, zwischenzeitlich war er komplett untersagt. Hausaufgabenhilfe und Angebote speziell für die Jüngeren brachen weg, psychosoziale Angebote wurden erschwert und teilweise ganz eingestellt. Und auch unbegleitete Minderjährige und junge alleinstehende Volljährige in Jugendhilfeeinrichtungen litten aufgrund der Corona-Beschränkungen verstärkt unter Isolation und fehlenden Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe.

Die DKJS hat einige Programme, die sich an geflüchtete Kinder und Jugendliche richten. Welche Angebote macht sie ihnen?

Yvonne Hylla: Das ist tatsächlich sehr vielfältig. Wir setzen zum Beispiel das Programm fit nach vorn in mehreren großen Städten um. Es verknüpft Sportangebote mit Angeboten zur Berufsorientierung. Angebote für junge Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte gibt es auch in Rheinland-Pfalz und München: Das pfälzische Pilotprojekt geht der Frage nach, wie Unterstützungsmöglichkeiten für eine erfolgreiche Ausbildung bestmöglich aufeinander abgestimmt werden können. In der bayrischen Haupstadt richtet sich das Projekt mitmischen – Mädchen zeigen Engagement! speziell an Mädchen und jungen Frauen, die ein Schuljahr lang mit Workshop- und Vernetzungsangeboten begleitet werden.

In Berlin gibt es ebenfalls Programme für diese Zielgruppe: Die Angebote der Integrativen Mobilen Jugend-Lern-Hilfe.Jetzt richten sich an Kinder und Jugendliche, die in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete leben. Das Programm soll sie dabei unterstützen, coronabedingte Lernrückstände aufzuholen und lerngruppenbegleitende Freizeitangebote zu entwickeln. Bereits seit 2015 gibt es die Berliner Ferienschulen, die Sprachförderangebote mit der Förderung des Selbstkonzepts verbinden. Die Lerngruppen vermitteln Teamfähigkeit und Spaß am gemeinsamen und individuellen Lernen. Sie ermöglichen Erfolgserlebnisse auf unterschiedlichsten Ebenen und bieten Kindern und Jugendlichen die Chance, Berlin als Lebensort für sich zu entdecken.

Was hat sich in der Pandemie in der Programmarbeit geändert? Wie reagierten die Programme auf die neuen Herausforderungen? 

Yvonne Hylla: Diese Frage kann ich vor allem aus Berliner Perspektive beantworten: In der ersten Zeit der Schulschließungen im März 2020 ging ein ad hoc eingerichtetes Programm an den Start: LernBrücken – häusliches Lernen begleiten. Darin wurden zunächst vorrangig Träger der freien Jugendhilfe aktiv, die wir bereits über unser Netzwerk der Berliner Ferienschulen für geflüchtete Kinder und Jugendliche kannten. Damit unterstützte die DKJS in der Zeit der kompletten und teilweisen Schulschließungen – aber auch danach – junge Menschen in Berlin, die in Risikolagen aufwachsen und die in ihrem familiären Umfeld beim Lernen nur wenig Hilfe erhalten. Dazu zählten teilweise auch geflüchtete Kinder und Jugendliche.

In den Angeboten der LernBrücken erhielten Grundschulkinder und Jugendliche individuelle Beratung und Motivation zum Lernen. Um sie gut zu unterstützen und zu stärken, kooperierten Träger der freien Jugendhilfe mit Schulen. Dabei entwickelten sie zahlreiche Formen der Kommunikation und der Begegnung, die trotz der Kontakteinschränkungen möglich waren: Treppenhausbesuche, Telefonate, Lernpäckchen und der Austausch mit Postkarten. Das Programm existiert weiterhin, auch wenn glücklicherweise schon recht lange wieder in Präsenz gearbeitet werden kann.

In der Zeit der Pandemie hat sich noch einmal mehr gezeigt: Für Kinder und Jugendliche mit Fluchtgeschichte wie auch für andere junge Menschen in herausfordernden Lebenslagen sind Bildungsangebote nicht nur im Sinne des kontinuierlichen Lernens enorm wichtig. Bedeutsam sind sie auch, um eine klare und sichere Tagesstruktur außerhalb der teilweise sehr beengten Wohnverhältnisse sicherzustellen. Damit meine ich auch Bildungsangebote im non-formalen Bereich wie sie von Trägern der freien Jugendarbeit und gemeinnützigen Organisationen oder Vereinen gemacht werden. Auch die Rolle der Vertrauenspersonen, die die Kinder und Jugendlichen in Schule, im Hort, in Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen oder in Vereinen treffen, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Welche Nachwirkungen und Folgen der letzten zwei Jahre lassen sich bei den geflüchteten jungen Menschen beobachten?

Yvonne Hylla: Dieselben wie bei anderen Kindern und Jugendlichen auch. Hier gibt es noch vieles aufzuarbeiten. Wichtig erscheint mir aber auch, die andere Seite zu sehen: die Angebote, die nach langen Zeiten von Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen endlich wieder in Präsenz stattfinden konnten, fanden sehr großen Anklang. Die Teilnehmer:innen waren begeistert, was auf einmal wieder möglich war. Wenn ich beispielsweise auf die Berliner Ferienschulen blicke, lässt sich sagen: Laut Erfahrungsberichten der Träger, die die Lerngruppen praktisch umsetzen, gab es in vielen Fällen einen großen Nachholbedarf, endlich wieder rennen, klettern, skaten, toben oder – anders gesagt – sich wieder uneingeschränkt bewegen zu können.

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf in Deutschland lebende geflüchtete Kinder und Jugendliche?

Yvonne Hylla: Darauf gibt es keine allgemeine Antwort, das ist derzeit noch schwer abzuschätzen. Fest steht, dass für diejenigen, die schon vor dem Jahr 2021 aus Afghanistan geflüchtet und in Deutschland angekommen sind, eine sehr schwer zu ertragende Gemengelage entstanden ist. Sie wurden teilweise durch die Geschehnisse ab dem Spätsommer 2021 erneut traumatisiert oder stürzten durch die Sorgen um ihre Familienangehörigen in eine Krise. Sozialpädagog:innen aus DKJS-Programmen berichten uns, dass die Kinder und Jugendlichen den Krieg gemeinsam in den Blick nehmen wollen – so fragen sie die sozialpädagogischen Fachkräfte in Gruppenangeboten, wie sie die Situation einschätzen. Es gibt auch viele Beispiele dafür, dass junge Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflüchtet sind und vielleicht schon einige Jahre hier wohnen, sich solidarisch zeigen und aktiv werden wollen. Sie möchten denjenigen helfen, die aus der Ukraine geflohen sind und gerade erst seit wenigen Tagen, Wochen oder Monaten hier leben.

Aber es gibt eine nicht wegzudiskutierende Schwierigkeit: Kinder und Jugendliche werden – rechtlich gesehen – nicht gleichbehandelt. Durch den Krieg in der Ukraine wurde die EU-Richtlinie 2001/55/EG – die sogenannte „Massenzustrom-Richtlinie“ – von den Mitgliedstaaten aktiviert. Dies bringt in Bezug auf soziale Sicherung und Zugänge zu Bildung und zum Arbeitsmarkt viele begrüßenswerte Veränderungen mit sich, jedoch ausschließlich für Menschen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft. Kinder und Jugendliche, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflohen sind, müssen mit dieser Ungleichbehandlung leben. Auch Menschen, die aus der Ukraine gekommen sind, aber keinen ukrainischen Pass haben. Dadurch ist für Fachkräfte, die schon seit vielen Jahren mit jungen Geflüchteten arbeiten und sich für ihre Rechte einsetzen, eine schwierige Lage entstanden: Natürlich wollen sie, dass es den Kindern und Jugendlichen, die vor Kurzem aus der Ukraine angekommen sind oder noch ankommen werden, so gut geht wie möglich. Sie möchten aber auch, dass diese Mindeststandards und die rechtlichen Rahmenbedingungen für alle gelten.

Gibt es auch positive Erfahrungen aus den verschiedenen aufeinanderfolgenden Krisen?

Yvonne Hylla: Sehr erfreulich wäre, wenn aus den Erfahrungen, die unter anderem 2015 und 2016 gesammelt wurden, um Kindern und Jugendlichen mit Fluchtgeschichte einen möglichst guten Start zu ermöglichen, konstruktive Ableitungen gezogen werden würden. Auch die zwischenzeitlich brachliegenden Strukturen und Netzwerke, die hilfreich waren, könnten wieder genutzt werden. Dies lässt sich in Ansätzen bereits erkennen. Zum Beispiel wird das Programm der Berliner Ferienschulen jetzt inhaltlich ausgeweitet und knüpft in Zukunft in einer neuen Säule wieder an das 2020 ausgelaufene Programm Gemeinsam starten – Fit für die Schule an. Damit erhalten Kinder und Jugendliche, die ganz neu in Berlin sind und die auf einen Schulplatz warten, ein Bildungsangebot. Auch in anderen Bereichen sehen wir, wie gute Ideen aufgegriffen werden.

Darüber hinaus wäre es ein Riesenfortschritt, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen ausgeweitet werden, die für ukrainische Kinder und Jugendliche gelten, die in EU-Staaten geflohen sind oder noch fliehen werden: Sie müssten genauso für junge Menschen gültig sein, die aus anderen Ländern fliehen. In diesem Feld braucht es einen langen Atem und viele Personen, Initiativen und Organisationen, die nicht von dem Gedanken der Gleichbehandlung und der Realisierung der UN-Kinderrechtskonvention auch für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung ablassen.

 

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