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Stolpersteine im Saalekreis - ein Rechercheprojekt

Zwei Stolpersteine im Saalekreis

© DKJS/ Valentum Kommunikation

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40 Jugendliche mit ganz verschiedenen sozialen Hintergründen begeben sich in ihrer Freizeit auf Spurensuche der Judenverfolgung in Europa und dokumentieren dabei ihre Emotionen. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema und die gemeinsame Arbeit in der Gruppe wird das Demokratiebewusstsein der Teilnehmer:innen gestärkt.

Projektstart

  • 1. Mai 2022
  • Wettin-Löbejün
  • Träger: Nest e.V.
  • 40 Jugendliche
Themenschwerpunkt: Demokratiebildung und Teilhabe

In Filmen, Bildern und gesprochenen Texten mit der Vergangenheit auseinandersetzen

Historische Bildung außerschulisch vermitteln - mit diesem Ziel initiierte der Gewerkschaftspädagoge Andreas Dose vor zehn Jahren die Projektgruppe „Tagebuch der Gefühle“. Ursprünglich sollte das Projekt junge und bildungsbenachteiligte Menschen erreichen, die einen Hauptschulabschluss oder keinen Abschluss besitzen. Denn umso wichtiger sei es hier, über den Nationalsozialismus oder die Diktatur in der DDR aufzuklären, wie Andreas Dose erklärt: „Die Jugendlichen wissen eigentlich gar nicht, warum sie hier in einer Demokratie und unserer Gesellschaft leben. Und dass es eine bessere ist als zuvor. Und das ist eine große Gefahr.“ Angefangen hat alles mit einem Besuch des Konzentrationslagers in Auschwitz, aus dem sich das erste „Tagebuch der Gefühle“ entwickelte. Überwältigt von den dortigen Eindrücken begannen die Jugendlichen damals, ihre Gefühle und Gedanken darüber ungefiltert aufzuschreiben. Seither sind insgesamt drei Tagebücher mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten entstanden. Das vierte Tagebuch, an dem die Gruppe aktuell arbeitet, dreht sich um die Entwicklung der Judenfeindlichkeit in Deutschland. Dafür beschäftigen sich die Jugendlichen unter anderem mit Stolpersteinen im Saalekreis. Die Umsetzung der Inhalte erfolgt in Form von Filmen, Bildern und gesprochenen Texten. Ein guter Ansatz zur Wissensvermittlung, wie Workshop-Teilnehmerin Jasmin findet: „Es ist halt auch was zum Anfassen. Das ist alles was anderes, als wenn man es jetzt nur im Lehrbuch vorgesetzt bekommt.“ Auch die Sprache spiele im Projekt eine entscheidende Rolle.

Paul Mitinitiator des Projekts

© DKJS/ Valentum Kommunikation

„Wir sind vor Ort und schreiben einfach das auf, was uns grade einfällt. So wie wir das grade denken. In keiner top geschliffenen Sprache, sondern grade so, wie wir das wirklich fühlen“

Paul, Mitinitiator des Projektes 

39 Stolpersteine gibt es im Saalekreis

Emotionen als Motivation und Herausforderung zugleich

Dieser emotionale Zugang ermöglicht, dass Geschichte außerhalb der Schule erlebt werden kann. „Im Unterricht konnte man natürlich viele Fakten lernen. Da bekommt man das Thema nur so oberflächlich mit.“, begründet Paul seine tatkräftige Unterstützung. Ähnlich geht es Maryna, einer Teilnehmerin am Workshop: „Hier geht es um Personen. Wir machen jetzt einen Film über Henriette Pakulla und es geht alles um sie. Und so bekommt man einfach einen besseren Einblick in das Thema, wenn man es persönlicher macht.“ Das Engagement ist groß: Die Jugendlichen betreiben selbstständig historische Recherche, putzen Stolpersteine, nehmen Kontakt zu Überlebenden auf. Gleichzeitig ist es  nicht immer einfach, mit diesen Ereignissen aus der Vergangenheit konfrontiert zu werden: „Es trifft einen sehr, wenn man erfährt, wie diese Leute gelitten haben unter den Händen anderer Menschen. Es ist ziemlich schwer, das zu verarbeiten und dann einfach wieder in den Alltag zurückzukehren“, schildert Svenja, eine weitere Teilnehmerin. Auch vor fremden Menschen über die eigenen Gefühle zu sprechen, zum Beispiel bei Lesungen aus den Tagebüchern an Schulen, sorgte bei Paul anfangs für Anspannung.

Ein lokales Projekt zieht internationale Kreise

Jugendliche betrachten Stolpersteine im Saalekreis.

© DKJS/ Valentum Kommunikation

Der emotionale Ansatz wirkt: Das Projekt hat sich laut Paul zum „Selbstläufer“ entwickelt. Vor vier Jahren hat sich die Arbeitsgruppe neuformiert und beschäftigt sich seither speziell mit der Judenverfolgung in Halle. Den lokalen Bezug erachtet Andreas Dose für die Motivation der Jugendlichen als wichtig: „Für die ist es gut, zu sehen, dass das alles nicht allzu weit weg ist, auch von Halle nicht weit weg ist. Dass selbst im Saalekreis Menschen waren, die verfolgt und umgebracht wurden.“ Anstoß für das gegenwärtige Antisemitismus-Projekt sei vor allem auch der Anschlag in Halle im Jahr 2019 gewesen. „Es ist wichtig, dranzubleiben. Und nicht einfach zu sagen ‚Wir lassen das jetzt‘. Der Antisemitismus geht ja dadurch nicht weg“, lautet die Einstellung von Jasmin. Infolge medialer Berichterstattung, aber auch der eigenen Social-Media-Arbeit erhielt das Projekt im Laufe der Zeit immer mehr Aufmerksamkeit. Neben mehreren regionalen Kooperationen kommt sogar seitens des US-Konsulats aus Leipzig finanzielle Unterstützung. Ein besonderes Erfolgserlebnis war es für Paul, den Margot-Friedländer-Preis durch Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht zu bekommen. 

Ein Querschnitt durch die Gesellschaft

Gestärkt wird das Demokratiebewusstsein der Projektbeteiligten allerdings nicht nur durch die geschichtliche Auseinandersetzung. Auch die demokratische Arbeitsweise in der Gruppe trägt dazu bei: „Die Jugendlichen entscheiden alle selbst in der Gruppe, wo’s hingeht und wie’s weitergeht. Sie lernen, in der Demokratie zu leben, mitzubestimmen und zu entscheiden“, betont Andreas Dose. Eine Besonderheit sei es bei diesem Projekt außerdem, dass inzwischen Mitglieder mit ganz unterschiedlichen Bildungshintergründen mitmachen. Bei gemeinsamen Aktivitäten wie Grillen oder Volleyball werden Vorurteile abgebaut, wie Paul gemerkt hat: „Ich hätte sonst auch nie diesen Austausch mit Leuten, mit denen man sonst in der Freizeit eher weniger zu tun hätte.“ 

7 Toleranz- und Demokratiepreisen erhielt das Projekt bis heute

Corona als Spiegel sozialer Missstände

Viele Dinge werden mittlerweile nicht mehr als selbstverständlich erachtet. Vor allem die Pandemie hat verdeutlicht, dass nicht alle Jugendliche einen Laptop oder Internetanschluss besitzen. Das habe die digitale Zusammenarbeit des Teams seit Beginn der Pandemie erschwert, „aber wir haben nicht aufgegeben“, zeigt sich Andreas Dose stolz. Die Förderung durch AUF!leben-Zukunft ist jetzt. leiste hierfür einen großen Mehrwert: Ohne sie hätte der Workshop vor Ort nicht stattfinden können, denn viele Jugendliche hätten sich das Zugticket dorthin nicht leisten können. Auch die professionelle und technische Unterstützung durch den Offenen Kanal Wettin sei für den Workshop andernfalls nicht möglich gewesen. 

Martin Kahles, Gründer des Trägervereins Nest e.V.

© DKJS/ Valentum Kommunikation

„Es ist wichtig, dass Menschen dieser Altersgruppen ein stückweit zur Realität zurückkehren und dass sie auch wieder in einen sozialen Austausch treten. Dass sie auch mal in einem Schlafsaal mit sechs anderen Personen schlafen ohne Berührungsängste, und dass soziale Ängste wieder abgebaut werden.“

Medienpädagoge und Projektadministrator beim Trägerverein Das Nest e.V.

Das Wachstumspotenzial ist groß

Projektteilnehmer:innen während der Arbeitsphasen

© DKJS/ Valentum Kommunikation

Abgeschlossen ist das Projekt noch lange nicht. Das vierte Tagebuch läuft bis zum Jahr 2024 und gliedert sich in vier Teile. Einer davon ist ein Film über den NS-Arzt Horst Schumann aus Halle, den das Team aktuell als Unterrichtsmaterial anfertigt. Neben den Lesungen an Schulen gibt es außerdem Theateraufführungen, bei denen die Jugendlichen das Thema schauspielerisch umsetzen. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Tagebuch-Projektes wird es im Herbst zudem eine Ausstellung in Halle geben. Dafür sind zehn Roll-Ups geplant, die im Anschluss für zwei Jahre auf Deutschlandtour gehen. „Das Ziel war immer, viele Leute zu erreichen“, erzählt Paul zu den Neuanfängen des Projekts. Ein Ziel, das mit jeder Projektarbeit mehr verwirklicht wird. Und: „Erinnerungen erhalten. Irgendwann können die Zeitzeugen ja nicht mehr reden, weil sie nicht mehr da sind. Dann ist es unsere Aufgabe, das zu machen“, ergänzt Jasmin. 

Projektende

  • 31. August 2022
  • Wettin-Löbejün

AUF!leben –
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