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Erfahrungsberichte

Fatemah  Ahmadi und Ali Ahmadi berichten, wie sie die Corona-Pandemie erlebt haben.

© DKJS

„Mit der Pandemie wurde meine schwierige Situation noch schlimmer.“ (Fatemah Ahmadi)

Auszüge des Interviews mit Fatemah Ahmadi 
Fatemah ist 17 Jahre alt und lebt seit 16 Monaten in Deutschland. Ihre Familie stammt aus Afghanistan. Fatemah hat neun Monate Deutsch in einer Willkommensklasse gelernt. Aktuell besucht sie den Kurs ‚Schulversuch' im Victor Klemperer Kolleg. In ihrer Freizeit spielt sie Fußball und interessiert sich fürs Programmieren.  


Nadia Zaboura: Als die Corona-Pandemie begonnen hat, warst du im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Wie hast du diese Zeit empfunden? 
Fatemah Ahmadi: Ich habe zwei Jahre lang dort gelebt und als die Pandemie kam, wurde es noch schlimmer. Es gab keine Schule. Der Alltag war sehr anstrengend. Meine Hoffnung war: Irgendwann komme ich hier weg und kann mein Leben noch einmal neu beginnen. Durch Corona lief unser Asylverfahren sehr langsam.  

Nadia Zaboura: Du bist dann mitten in der Pandemie nach Deutschland gekommen. Wie waren die ersten drei Monate für dich? 
Fatemah Ahmadi: Ich war sehr froh, nach Deutschland zu gehen und noch einmal bei null anzufangen. Aber die Situation war anders, als ich gehofft habe. Es gab wieder ein Asylverfahren und wir wussten nicht, ob wir bleiben können. Mein Vater und mein Bruder waren damals noch in Griechenland, meine Familie konnte also nicht zusammen sein. Ich kannte niemanden. Es war alles sehr schwierig. 

Nadia Zaboura: Wo habt ihr zuerst gelebt? 
Fatemah Ahmadi: In einem Lager in Berlin. Wir haben zu viert in einem kleinen Raum gewohnt. Ich musste in einer Schlange warten, wenn ich zur Toilette oder ins Bad wollte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so eine Situation erleben würde.

Nadia Zaboura: Du hast parallel zu den sehr engen Verhältnissen auch eine gewisse Weite gefunden: Du hast für dich den Fußball entdeckt. Erzähl mal! 
Fatemah Ahmadi: Mir hatte jemand erzählt, dass es einen Fußballplatz gibt, wo es während der Pandemie erlaubt ist, draußen zu spielen. Ich habe dort Freunde gefunden und habe meine Sprachkenntnisse verbessert. Und ich hatte die Freiheit, rauszugehen. Der Fußball war für mich nicht nur Sport, sondern hat mein Leben verändert.

Nadia Zaboura: Wie ging es dann später weiter? 
Fatemah Ahmadi: Ein wichtiges Kapitel war für mich, Deutsch zu lernen und Berlin besser kennenzulernen. Außerdem mit meiner Familie rauszugehen und zu vergessen, was alles passiert ist. Ich fühle mich jetzt viel besser. Ich möchte meine Erfahrungen gern mitteilen und anderen eine Stimme geben.

Nadia Zaboura: Gab es Menschen, die dich gefördert und mitgenommen haben oder hast du alles aus dir selbst heraus erreichen müssen? 
Fatemah Ahmadi: Mir haben viele Menschen geholfen. Meine neuen Freunde und meine Lehrerin haben mir sehr geholfen, nicht nur bei der Sprache, sondern auch dabei, aus der Situation herauszukommen.  

Nadia Zaboura: Was wünschst du dir für die Zukunft? 
Fatemah Ahmadi: Ich möchte, dass es irgendwann keine Lager mehr für Geflüchtete gibt, und ich wünsche mir mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche, die in solchen Lagern wohnen müssen. Mein dritter Wunsch ist, dass ich Abitur machen kann.  

„Deutschland vor und während der Pandemie ist wie Deutschland mit und ohne Licht.“ (Ali Ahmadi)

Auszüge des Interviews mit Ali Ahmadi
Ali ist 23 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Fliesen- und Mosaikleger. Er stammt aus Afghanistan und lebt seit 7 Jahren in Deutschland. Seine Hobbies sind Boxen und Fußball.

Nadia Zaboura: Ali, du bist seit 2015 hier in Deutschland. Wie hast du den Unterschied zwischen Deutschland vor und während der Pandemie empfunden? 
Ali Ahmadi: Deutschland mit Licht und Deutschland ohne Licht – das ist für mich der Unterschied zwischen Deutschland vor und während der Pandemie.

Nadia Zaboura: Wie lief es denn bei dir während der Pandemie in der Schule und in der Ausbildung?  
Ali Ahmadi: Es war für mich fast alles eine Katastrophe. Für Menschen mit Deutsch als Zweitsprache war es schwer. In der Schule mussten wir Masken tragen und die Verständigung war viel schwieriger. Die Lehrer haben mich schwerer verstanden und ich musste immer alles zweimal oder dreimal wiederholen. Ich fand es schlimm, mich in der Schule testen zu müssen.

Nadia Zaboura: Wie lief es während Corona für dich privat und in der Freizeit? 
Ali Ahmadi: Es war auch nicht so schön, da wir in Quarantäne waren. Wir durften nicht raus, außer in den Supermarkt. Sonst war ich die ganze Zeit zu Hause und hatte Angst, von der Polizei verfolgt zu werden.

Nadia Zaboura: Wie hast du deine Tage denn gestaltet? 
Ali Ahmadi: Ich habe mich wie ein Gefangener im Knast gefühlt. Ich bin aufgestanden, habe gefrühstückt, kurz was geschrieben, Sport gemacht, Mittag gegessen und dann Filme geguckt. Uns wurde gesagt, wir dürfen nicht rausgehen, also konnte ich nichts anderes machen.

Nadia Zaboura: Gab es Ansprechpartner:innen, die in der Unterkunft für euch da waren? 
Ali Ahmadi: Wir hatten Betreuer, aber die waren nur ein, zwei Tage im Büro. Wir haben in dieser Zeit nur telefoniert, wenn es etwas Wichtiges gab. 

Nadia Zaboura: Wie bist du zum Sport gekommen? 
Ali Ahmadi: Schon als kleines Kind wollte ich Profiboxer werden. Nach einem Jahr hier in Deutschland habe ich meinen Boxverein in Kreuzberg gefunden, dort trainiere ich bis heute. Seit einem Jahr spiele ich auch Fußball bei Champions ohne Grenzen. Ich habe die Mannschaft durch meine Freunde kennengelernt.

Nadia Zaboura: Ali, was sind deine drei Wünsche für deine Zukunft? 
Ali Ahmadi: Alle meine Freunde und meine Familie sollen gesund bleiben – das ist mein erster Wunsch. Mein zweiter Wunsch ist, dass die Welt in Frieden lebt und es keinen Krieg mehr gibt. Und mein dritter Wunsch: Es soll keine rassistischen Menschen mehr auf der Welt geben.

Graphic Recording zu den Erfahrungsberichten

© DKJS/MH

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